Anmerkungen zur aktuellen Diskussion um Islam und Schariah

Von: Dr. Thomas Tartsch

Die beständig an Bedeutung gewinnende Frage, ob „der Islam“ zu integrieren ist, versandet seit Jahren im Streit um die Bedeutung des Wortes als „Frieden“ oder „Unterwerfung unter den Willen Allahs“ und unscharfen Forderungen wie die Distanzierung der Muslime von „der Schariah“.

Diese weiße Elefanten Diskussionen bedingen eine Oberflächlichkeit ohne Nutzwert und berühren nicht einmal in Ansätzen die teilweise grundlegenden und durch die islamische Historie begründeten Unterschiede zwischen Islam und den anderen monotheistischen Religionen.

Der „Islam“ beinhaltet als definitorische Grundbedeutung eine direkt von Allah gestiftete, an den Religionsstifter Muhammad mittels des Engels Djibril (Gabriel) verbal inspirierte und durch diesen für die damals auf der arabischen lebenden Menschen (polytheistische Araber, Juden und Christen) verkündete Lebensweise als die seit Ibrahim (Abraham) einzig dem Menschen zugedachte Daseinshaltung (Sure 30:30 u.a. Koran)

Diese die Kosmologie und Anthropologie umfassende, ewig gültige und unveränderbare Daseinshaltung ist mit einer die ganze Existenz überformenden Anleitung zur Bewältigung des Diesseits und der Vorbereitung auf das metaphysische Jenseits auf Grundlage des Gesetzes (Schariah) als ein ganzheitliches System verknüpft. So die Sichtweise vieler Muslime, die auch vom organisierten Islam vertreten wird, wobei sich dieser universelle Geltungs- und Regelungsanspruch der Schariah historisch erst bis ins 11. Jahrhundert entwickelt hat.

Das verdeutlicht das Spezifikum der Grundgesamtheit Islam, da Islam sowohl eine durch Riten und Symbole vermittelte Religion als spirituelle Individualerfahrung, Sinngebung der Existenz und Welterklärungsversuch sein kann, von dessen Entstehung 610 – 632 n.Chr. der Koran, als historisch verortetes Dokument aus nichtmuslimischer Perspektive, berichtet.

Ebenso kann Islam aber auch ein religiös-politisches System sein, welches den Blickwinkel auf die Welt mit einem Schema unterlegt, das die Rolle des Menschen im Diesseits von einem transzendenten Standpunkt aus entwickelt.

Im Gegensatz zu Juden- und Christentum etablierte sich der Islam im 7. Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel als eine monotheistische Religion, die im Laufe der islamischen Historie nicht nur das Diesseits in einen religiösen Begründungszusammenhang stellte, sondern das Weltliche den Regelungen des gesetzgeberischen Korpus des in seiner heutigen Form erst später entstandenen und nicht kodifizierten Gesetzes (Schariah) unterwarf, dessen inhaltliche Konkretisierung den jeweiligen islamischen Rechtsschulen unterliegt.

Der sich bis ins 9. Jahrhundert ausbildende Islam war damit nicht nur eine an den schon früher auf der arabischen Halbinsel bestehenden Monotheismus andockende religiöse Reformbewegung gegen den herrschenden Polytheismus. Sondern ebenso eine politische Bewegung Muhammads als Kampf um die weltliche Herrschaftsposition innerhalb des Stamms der Quraisch in Makka, die Muhammad nach der Hidschra (Auszug) 622 n.Chr. von Yathrib (Madina) aus erobern wollte.

Dort nahm die erste muslimische Ummah (Gemeinde) mit Muhammad als religiös-politischen Oberhaupt mit eigener Sozialordnung Gestalt an, die nach dem Sieg Muhammads über die Quraisch ab 630 n.Chr. den Weg der Expansion als Glaubens- und Kampfgemeinschaft nehmen sollte, wobei die Einheit der Religion aus primär politischen Gründen seit der Ermordung des dritten rechtgeleiteten Kalifen ’Uthman Ibn ’Affan im Juni 656 n.Chr. zu Aufsplitterung und beständigen Konflikt bis zu innerislamischen Bürgerkriegen führte, die bis heute virulent sind.

Man kann daher Islam entweder als Religion in Form eines durch Riten und Symbole vermittelten Welterklärungsversuchs und eine individuelle Spiritualerfahrung auf der einen Seite und auf der anderen Seite als eine direkt von Allah stammende, die ganze Existenz überformende, den Einzelnen und die Gesellschaft total vereinnahmende Handlungsanweisung mit universellem Geltungs- und Regelungsanspruch definieren.

Letztere kann ein Gewalt- und Konfliktpotenzial enthalten, welches sich gleichermaßen gegen Nichtmuslime, Muslime anderer Glaubensrichtungen, säkular ausgerichtete Muslime und Exmuslime richtet.

So der seit Anfang des 21. Jahrhunderts in Europa als indigene Entwicklung mit Zügen einer Subkultur unter jugendlichen Muslimen und Konvertiten an Anhängern gewinnende, militant ausgerichtete Salafiyya-Islam, der sich am Vorbild von Muhammad und den ersten drei Generationen von Muslimen (as-Salaf aṣ-Ṣāliḥ) orientiert, um eine von Unglauben „gereinigte“, am madinensischen Urmodell orientierte und von der Schariah regierte islamische Ummah zu reanimieren, wobei von einigen Salafi Dschihadi Gruppen wie DAESH und al-Qaidah auch die Gründung eines globalen Kalifates angestrebt wird.

Während die individuelle Spiritualerfahrung im persönlichen Rahmen der Ritenpraxis der fünf Pfeiler des Islam weitgehend unproblematisch und damit mit der freiheitlich-pluralistischen westlichen Werteordnung vereinbar ist, richten sich andere Ausformungen, etwa in Gestalt der ideologisch aufgeladenen Spielarten des Islamismus seit der Gründung der ägyptischen Muslimbruderschaft 1928 und der Salafi Dschihadismus seit der Endphase des antisowjetischen Dschihad in Afghanistan 1979-1989 mit Gründung von al-Qaidah 1988, gegen grundlegende Werte- und Normenstrukturen der westlichen Gesellschaften.

Dieser ideologisch aufgeladene Islam verspricht eine ökonomische, politische, soziale und religiöse Utopie, wenn die Welt letzten Endes Allah und dem schariahtischen Recht unterworfen sein wird.

Dies zeigt sich unter anderem in der Bestrebung, die gesamte Schariah in Form eines globalen Kalifates unter Überwindung bestehender verfasster Ordnungen einzuführen, weil Islam angeblich nur dann Religion sein kann, wenn dieser in einer islamischen Nomokratie auf Grundlage eines strengen Literalismus schariahtischer Quellen gelebt wird.

Hierbei handelt es sich nicht nur um den religiösen Teil der Ritenpraxis (Ibadat), der islamischen Grundüberzeugungen (Aqida) und die Ethik- und Morallehre (Achlaq). Sondern auch um das Zivil- und Strafrecht. Sowie das Völker-, Fremden-, und Kriegsrecht zur Führung des gewaltsamen Dschihad (Siyar), die zum weltlichen Teil (Muamalat) der Schariah gehören.

Die traditionelle islamische Jurisprudenz (fiqh), die sich der Gewichtung und Interpretation von Koran und Sunnah als Primärquellen der Schariah widmet, beschränkte dagegen die Anwendung der Normen nicht allein auf ihren Wortlaut, sondern setzte sich insbesondere auch mit dem Sinn und Zweck (Maqāșid) der Schariah auseinander. Zu den prominentesten und viel zitiertesten Autoritäten dieser Strömung gehört der Gelehrte al-Ghazālī (gest.1111 n.Chr.), der den Schutz fünf wesentlicher Grundgüter auf Grundlage der Schariah für unabdingbar hielt: Religion, Leben, Vernunft, Nachkommenschaft und Eigentum (in: al-Mustaṣfā fī ʿilm uṣūl al-fiqh ("Das Ausgewählte in der Wissenschaft von den Grundlagen des Verstehens"); 1109 n.Chr./Nischapur).

Damit kann das wesentliche Ziel der Maqāșid-Theorie in der Erforschung aller vom göttlichen Gesetzgeber festgelegten und vom Religionsstifter Muhammad etablierten Gebote und Verbote, das Gute zu fördern, den Menschen Nutzen zu bringen und sie vor dem Bösen, dem Schaden und dem daraus resultierenden Leiden zu schützen, gesehen werden.

Schariah, was häufig vereinfachend mit “islamisches Recht” übersetzt wird, meint damit in einem untechnischen Sinne den “Weg zur Quelle” oder den “Weg zum Glauben”. In einer umfassenderen Bedeutung meint Schariah den Weg, wie ein Muslim sein Leben nach Maßgabe des Glaubens ausrichtet. Somit definiert sich Schariah als Gesamtheit der islamischen Werte-, Normen- und Rechtslehre einschließlich der Methoden für deren Auffindung und Interpretation, mit welcher dieser Weg beschritten werden kann.

Daher muss die gesellschaftliche Diskussion geführt werden, welche Teile der Schariah mit dem geltenden Normen- und Wertekanon vereinbar sind, da immer wieder die generalisierte Forderung erhoben wird, Muslime sollten sich im Zuge einer definitorisch vage bleibenden vollständigen Assimilation von „der Schariah“ distanzieren.

Hierzu wird hier die immer gestellte Forderung einer vollständigen Assimilation von Menschen islamischen Glaubens in die jeweiligen Aufnahmegesellschaften insoweit konkretisiert, als unter Assimilation der Grad der Aufgabe oftmals erst in der Aufnahmegesellschaft revitalisierter und konservativ gelebter archaisch-patriarchalischer und religiöser Werte- und Normenstrukturen der Herkunftsgesellschaft als letzte Stufe von Integration als intergenerativer und ergebnisoffener Prozess in Form voluntativ-identifikativer Assimilation mit der mehrheitlich nichtmuslimischen Gesellschaft zu verstehen ist.

Somit soll und kann ein Freiraum für die religiöse Ritenpraxis, die Grundüberzeugungen und die kompatiblen Teile von Ethik und Moral als Teil der Identitätsvergewisserung im privaten Raum verbleiben.

Gleichzeitig muss aber die Forderung durchgesetzt werden, dass das aus Sittengesetz und neuzeitliche Aufklärung entstandene und hier geltende Rechts-, Normen- und Wertesystem, wie in Fragen der Geschlechtergleichheit, die Anerkennung der Geltung der von Menschen geschaffenen Gesetze, der bestehende Dualismus von religiöser und politischer Sphäre und die Anerkennung des verfassungsrechtlich garantierten religiösen Pluralismus, befolgt wird.

Derzeit bestimmen primär die Vertreter des organisierten Islam und islamistischer Gruppierungen in Deutschland und Österreich als „Mittler“ und „Vertreter aller Muslime“ das offizielle Bild des Islam. Hier ist zu hinterfragen, welche Rolle diese religiös-politisch heterogen ausgerichteten Dachverbände und Moscheegemeinden bezüglich der Integration des Islam spielen, die gesellschaftliche Einheiten nach innen bündeln und als derart aggregierte Interessen- und Wertegemeinschaften von Teilgruppen am gesellschaftlichen und politischen Leben teilnehmen.

Auch Muslime haben, wie alle anderen religiösen und gesellschaftlichen Gruppen innerhalb der Gesamtgesellschaft, das Recht auf das Hineinwirken in den öffentlichen Raum, wobei ihnen jedoch keine religiös begründeten Sonderrechte als Angehörige einer Religionsgruppe zustehen, denn aus den allgemein gewährten religiösen Grundrechten können keinerlei politischen Forderungen abgeleitet werden.

Dies soll hier genügen, um eines zu verdeutlichen: Die Frage nach der Integrationsfähigkeit der Grundgesamtheit Islam kann nicht mit einem Streit um Wortbedeutungen und unscharfen Forderungen beantwortet werden, die nicht einmal im Ansatz bestehende Problemlagen objektiv benennen und Lösungsvorschläge als Handlungsmaximen anbieten.

Ändert sich an der derzeitigen Diskussion nichts, werden Entwicklungen eintreten, die zu Desintegration, Abschottung und neuen Religionskriegen führen können.

Dr. Thomas Tartsch
Politikberatung und Beratung Terrorism-Counterterrorism

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