"Fordern Rücktritt von Schakfeh"

Von Stefan Beig Isamlehrern fehlt die nötige Bildung. Akademischer und pädagogischer Abschluss nötig. Aufenthalt von Imamen in Österreich soll wieder fremdenpolizeilich genehmigt werden.

"Wiener Zeitung": Warum üben Sie ausgerechnet jetzt öffentlich Kritik an der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ)?

Die veralteten Methoden der IGGiÖ sind nicht konform mit den wichtigen Visionen des Islam, die Führung hat eine diktatorische Mentalität. Der Islam verlangt Demokratie, Meinungsfreiheit, Respekt der Menschenrechte, Kulturen und Religionen. Er will ein friedliches Zusammenleben. Missstände wie in Österreich haben wir auch in islamischen Ländern, wo diese Visionen ebenfalls unterdrückt werden.

Wie erklären Sie sich, dass laut einer Studie ein Fünftel der Islamlehrer die Demokratie ablehnt?

Einige Lehrer sind nicht mit Demokratie aufgewachsen. Den Lehrern fehlt die nötige Bildung, sie haben diese Mentalität von ihren Heimatländern mitgenommen. Die Ergebnisse der Studie sind nicht tolerierbar. Es darf keine unqualifizierten Lehrer geben. Auch viele islamischen Vereine sind undemokratisch.

Politiker suchen Ansprechpartner. Anas Schakfeh von der IGGiÖ gilt als der Repräsentant der Muslime in Österreich. An wen sonst soll sich die Politik wenden?

Die Politiker müssen mit der Mehrheit der Muslime Kontakt aufnehmen. Die Mehrheit ist liberal wie wir.

Die Mehrheit ist anscheinend nicht organisiert.

Jetzt ist die Zeit gekommen unsere Visionen zu definieren. Schon vor Jahren nahmen wir Kontakt mit den Politikern auf, aber sie verstanden uns nicht. Die Medien verstehen uns mittlerweile besser, aber die Politiker großteils noch immer nicht. Dafür werden sie bei der nächsten Wahl einen Denkzettel bekommen.

Mit welchen Muslimen stehen Sie in Verbindung?

Wir haben Kontakte mit vielen Muslimen. Es gibt unter den Muslimen Akademiker, die den Islam sehr gut verstehen. Etliche hoch qualifizierte Muslime mit akademischer Ausbildung wurden in der Vergangenheit von der IGGiÖ-Führung abgelehnt. Das ist ein großer Schaden für den Islam und für Österreich. Die Lehrer werden nicht wegen ihrer Qualifikation angestellt, sondern wegen ihrer Loyalität zu IGGiÖ-Präsident Schakfeh. Es herrscht Freunderlwirtschaft.

Sie kennen Schakfeh: Sie haben fünf Jahre lang, von 1993 bis 1997, gemeinsam mit ihm in derKulturabteilung der saudiarabischen Botschaft gearbeitet.

Unser Verhältnis war unterkühlt. Ich will den Präsidenten der IGGiÖ nicht persönlich kritisieren, aber meiner Meinung nach erfüllt er die Voraussetzungen für seine Funktion nicht. Ich möchte aber betonen, dass nicht persönliche Animositäten Anlass meines Handelns sind.

Was sind Ihre Forderungen?

Transparenz in der IGGiÖ, damit die Österreicher endlich wissen, was passiert! Das betrifft auch den Umgang mit Finanzen, etwa mit dem Geld der Steuerzahler und den Zuwendungen aus dem arabischen Raum. Wir sind in Österreich. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder in einer undurchsichtigen Parallelgesellschaft aufwachsen, sonst wird es in der nächsten Generation Probleme geben. Weiters müssen alle Islamlehrer einen akademischen und einen pädagogischen Abschluss vorweisen und fließend Deutsch sprechen. Es sollte einen eigenen Unterricht für Sunniten und einen anderen für Schiiten geben.

Wir fordern den Rücktritt von Schakfeh als Präsident und als oberster Fachschulinspektor, sowie die Suspendierung aller Fachschulinspektoren, die von ihm eingesetzt wurden. Auch dass die IGGiÖ eine quotenfreie Aufenthaltsgenehmigung für Imame in Österreich beantragen kann, muss aufhören. Jeder Aufenthalt eines Imams in Österreich muss wie früher von der Fremdenpolizei genehmigt werden. Auch die Strukturen der IGGiÖ sollten geändert werden.

Wie soll die IGGiÖ denn aussehen?

Die jetzige Form der IGGiÖ ist eine österreichische Erfindung, mit einem Obersten Rat und einem Schurarat, einer Verschachtelung, die es nicht einmal in islamischen Ländern gibt. Die neue Strukturierung sollte einen Präsidenten, einen Generalsekretär und einen Kassier vorsehen, sowie Vorstandsmitglieder als beratendes Gremium (=Schurarat).

Der Präsident der IGGiÖ sollte von allen Muslimen gewählt werden und sich ausschließlich dieser Funktion widmen. Der jetzige Präsident ist zum Beispiel gleichzeitig Islamdozent, oberster Fachinspektor, Dolmetscher und in der saudiarabischen Botschaft angestellt. Die jetzige Situation ist chaotisch, diktatorisch, undemokratisch und entspricht nicht den Prinzipien des Islam. Wir verlangen von den Verantwortlichen in der Politik, dass sie ihre Verantwortung für die jetzige Situation übernehmen.

Sie sind auch Experte für Internationale Politik. Wie beurteilen Sie die Beziehungen Europas zur islamischen Welt?

Das Ende des Kommunismus brachte große Vorteile für Osteuropa, nicht aber für die islamischen Länder, wo seither Demokratie und friedliche Entwicklungen keine Chance haben. Fast alle islamischen Regime bemühen sich seither, ihre Macht noch weiter zu festigen. Die qualifizierte Jugend flüchtet nach Europa. Für den Kampf gegen den Extremismus bekamen totalitäre Regime viel Geld vom Westen. Dabei haben sie diesen Extremismus teils selbst erfunden. Starken Oppositionsgruppen sollte der Staat die Möglichkeit geben, sich friedlich und gewaltfrei zu artikulieren.


Zur Person

Bouzian Ghessas wurde 1963 in Algerien geboren. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Algerien und Belgien machte er in Wien das Doktorat in Völkerrecht und Internationalen Beziehungen. Fünf Jahre lang arbeitete er im Kulturinstitut der saudi-arabischen Botschaft.

Er veröffentlichte Artikel in etlichen arabischen Zeitungen (Golfstaaten) und hielt Seminare und Lehrveranstaltungen über Völkerrecht an mehreren Universitäten, unter anderem in Tunis, Marrakesch und Algerien. In den letzten Jahren war Ghessas auch als Dolmetscher und Rechtsberater der Caritas tätig. Er ist Mitglied der Initiative liberaler Muslime Österreich (Ilmö), in der islamische Akademiker organisiert sind.

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