Journalist übt Kritik an Islamischer Glaubensgemeinschaft – "Spendengelder für Waffenkäufe aus Österreich"

Hamas ist in Österreich salonfähig

Von Stefan Beig

"Die Hamas hat in Österreich Unterstützer auch von offizieller Seite."
"Man soll diese Leute nicht verhaften, aber kontrollieren."

Wien. Große Geldsummen aus Österreich sollen an Terrorgruppen im Nahen Osten fließen. Diesen schwerwiegenden Vorwurf erhebt zumindest der Journalist und langjährige Korrespondent der palästinensischen Nachrichtenagentur Wafa, Ahmed Hamed, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Die Hamas hätte laut Hamed in Österreich etliche Unterstützer, sogar an offizieller Stelle. "Die Führer der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich sind im Hintergrund die großen Helfer der Hamas. Ich kenne kein Mitglied ihrer Führung, das nicht die Hamas unterstützt."

Große Geldsummen

Vor allem unter in Österreich lebenden Ägyptern und Tunesiern soll die Hamas viele Anhänger haben. Laut Hamed gelang es Hamas-Anhängern in den letzten zehn Jahren, sehr stark vernetzte Strukturen in Wien aufzubauen. "Ich habe persönlich gesehen, wie in Kulturvereinen und Moscheen viel Geld gesammelt wird, das angeblich humanitären Zwecken dient. Nach meinem Wissen ist es aber auch für Waffenkäufe bestimmt, um die Hamas militärisch zu unterstützen." Ahmed Hamed spricht von teilweise "gigantische Spendensummen", die in e-mails und auf Homepages veröffentlicht wurden. "Da bekomme ich wirklich Angst. Was jetzt im Gazastreifen passiert ist, geschah aufgrund der Hilfe von außerhalb, auch von Österreich."

Die Koalition zwischen Hamas und Fatah fand Mitte Juni ein gewaltsames Ende. In den anschließenden Kämpfen erlangte die Hamas die Kontrolle über den Gazastreifen. Seit dem 17. Juni sind die palästinensischen Autonomiegebiete de facto zweigeteilt.

"Die Hamas-Aktionen im Gazastreifen waren schon lange geplant", betont Hamed. "Nachdem die Hamas bei den Parlamentswahlen in der Palästinensischen Autonomiebehörde 2006 die Mehrheit bekommen hat, sieht sie keinen Grund mehr, die Rivalen zu akzeptieren. Mitte Juni tauchten schwere Waffen auf, mit denen die Hamas militärisch die Macht ergriff. Sie hatte ihre Mehrheit benützt, um Zeit für ihre militärische Verstärkung zu gewinnen. "Das wäre so, wie wenn eine österreichische Partei mit absoluter Mehrheit ihre Anhänger mit Waffen ausstattet, um den Gegner zu bekämpfen", sagt Hamed.

Muslimbrüder als Helfer

Materielle, logistische und auch mediale Unterstützung bekommt die Hamas laut Hamed besonders von reichen Privatpersonen in den Golfstaaten. Die Muslimbrüder – "ein starkes, international verzweigtes Gebilde" – sind für Hamed die großen Helfer der Hamas. Dass einige Muslimbrüder die Hamas-Aktion im Gaza-Streifen öffentlich kritisierten, beeindruckt Hamed nicht. "Insgeheim sind sie dafür. Sie sehen darin einen Sieg der Hamas über die Ungläubigen. Nach meinen Informationen sind die führenden Personen der Muslimbrüder in Österreich mit Händen, Füßen und Zähnen für die Hamas."

Die Hamas beruft sich ausdrücklich auf die Ideologie der Muslimbrüder. In Ägypten und Syrien sind die Muslimbrüder verboten, in Europa können sie sich weitgehend frei bewegen. "Funktionäre der Muslimbrüder kommen problemlos nach Österreich, um ihre Propaganda hier zu verbreiten", berichtet Hamed.

Einige Beobachter stufen die Muslimbrüder heute als gemäßigt fundamentalistisch ein. Hamed hält hingegen ihr nach außen hin moderates Auftreten für Strategie. Aus seiner Sicht wollen die Muslimbrüder zuerst auf politisch-demokratischem Weg an die Macht kommen, um danach – wie im Gazastreifen – gewaltsam ihre islamistischen Vorstellungen durchzusetzen. "Anfang der siebziger Jahre war die Muslimbruderschaft in Palästina eine humanitäre, religiöse Aktion. Israel unterstützte und legalisierte sie, um einen Gegenblock zur PLO zu installieren. Die Hamas zog durch ihre vernetzte humanitäre Arbeit viele Menschen auf ihre Seite."

Das anfänglich harmlose Erscheinungsbild änderte sich bei Ausbruch der ersten Intifada im Jahr 1987. Damals beteiligten sich Muslimbrüder erstmals aktiv am Kampf und gründeten die Hamas als politische Partei. Zunächst bestrafte die Hamas "Kollaborateure", griff später das israelische Militär an und führte schließlich gezielt Terroranschläge gegen israelische Zivilisten aus.

"Die Hamas will einen islamischen Gottesstaat verwirklichen", erläutert Ahmed Hamed ihre Ideologie. "Damit will sie den arabischen Staaten, die wegen ihrer totalitären, vom Westen gestützten Herrscher in einem sehr schlechten Zustand sind, ein Modell geben."
Ignorante Behörden

Über das Engagement von Hamas-Anhängern in Österreich seien die Sicherheitsorgane informiert. Die Untätigkeit der Politik könnte nach Hamed auf Unkenntnis beruhen. "Ich habe versucht, mit österreichischen Politikern zu sprechen. Vor ein paar Jahren haben sie noch zugehört, jetzt hören sie uns – den gemäßigten Muslimen – nicht mehr zu. Obwohl die Hamas auf der EU-Terrorliste steht, sind Hamas-Mitglieder in Österreich salonfähig und sogar bei moslemischen Festen mit Bundespräsident Heinz Fischer und im Wiener Rathaus dabei." Ranghohe Politiker wüssten nicht, welche Gefahr in politisch-religiösen Ideologien steckt. "Dass man die Gebetshäuser als politische Arena ausnützt, macht mir Angst. Hamas verwendet die Religion als Deckmantel für ihre politischen Ziele. Man muss handeln und das Ganze zum Wohle aller unter Kontrolle bringen." Hamed fordert ein Offenlegen der islamistischen Strukturen und staatliche Kontrolle über den Fluss der Spendengelder.

"Man soll diese Leute nicht verhaften, aber es muss Gesetze und Wege geben, die das alles kontrollieren. Es gibt auch in den arabischen Gebieten österreichische Vertretungen, die den Geldfluss überwachen könnten."

Ahmed Hamed, seine Kinder und Enkelkinder, fühlen sich bedroht. "Wenn in Österreich eines Tages etwas passiert, möchte ich zumindest zum Wohl des Landes meine Pflicht getan haben. Ansonsten werden wir Muslime kollektiv verantwortlich sein." An eine glorreiche Zukunft der islamistischen Ideologie im Nahen Osten glaubt Ahmed Hamed nicht. "Der islamische Gottesstaat ist eine Utopie, denn jeder Mensch will in Freiheit leben. Eine bunt gemischte Gesellschaft ist gut, sie bringt mehr Fortschritt. Ereignisse vor 1300 Jahren sind kein Maßstab für die heutige Zeit."

Arabische Politiker erkannten bereits in den letzten Jahrzehnten, dass der Islamismus falsche Illusionen weckt. "Viele PLO-Führer kamen ursprünglich von der Muslimbruderschaft, wurden aber von der Realität umgeformt. Sie merkten, dass die muslimische Vision unrealistisch ist und wurden Pragmatiker. Heute hat Fatah keinen Kontakt mehr zur Muslimbruderschaft. Arafat und andere PLO-Gründer sind für die Muslimbrüder Abgefallene."

Taliban in Gaza

Mehrheitlich seien die Palästinenser säkular und fortschrittlich eingestellt. "Es wird der Hamas dauerhaft nur schwer gelingen, die Palästinenser zu überzeugen, es sei denn durch Gewalt. Dann haben wir die Taliban im Gaza-Streifen." Der Grund für den Wahlerfolg sei die schwierige politische Situation gewesen. "Die Menschen sind verzweifelt. Die israelischen Siedlungen wurden immer mehr. Für Israel waren plötzlich Arafat und die Palästinensische Autonomiebehörde keine Partner mehr. Fatah machte teilweise keine saubere Politik, was Israel und die Hamas übertrieben hochgeschaukelt haben."

Der künftige Weg der Hamas ist für Ahmed Hamed ungewiss. "Die Hamas ist jetzt in der Zwickmühle, weil sie ihre Identität noch nicht klar vorgezeigt hat. Hamas gehört zum internationalen Islamismus, andererseits versucht sie über die palästinensische Tragödie Sympathie zu ernten.

Aufzählung Wissen: Die Muslimbrüder

Der ägyptische Lehrer Hassan Al Banna gründete 1928 die Muslimbrüder als Reaktion auf die Abschaffung des Kalifats und auf den ägyptischen Säkularismus. Die Muslimbrüder wollen das "wahre Wesen" des Islam wieder zum Leben erwecken. Ihr Motto war "Der Koran ist unsere Verfassung". Wegen Al Bannas Organisationstalent wurden sie zu einer Massenbewegung, die Ende der 40er-Jahre allein in Ägypten 500.000 aktive Mitglieder hatte.
Die Muslimbrüder bauten Schulen, Moscheen und Vereinshäuser. Sie wurden zu einem Staat im Staat, der seinen Sympathisanten Sozialleistungen lieferte, die der ägyptische Staat nicht bieten konnte. Mit zunehmender Größe übten sie Druck auf Politiker aus. Als 1948 ein Muslimbruder den ägyptischen Premierminister Nuqrashi Pasha erschoss, wurde Al Banna vom ägyptischen Geheimdienst getötet und die Organisation verboten. Es existierten bereits Zweige der Muslimbrüder in Jordanien, im Irak, im Libanon und in Syrien. Heute ist die Hamas der öffentlich bekannteste Zweig.

Die Bildung der kommenden Generationen steht im Mittelpunkt der Strategie der Bewegung. Mittels des Erziehungs- und Bildungssystems soll die vollständige Islamisierung von unten erreicht werden. Bereits 1942 gründeten die Muslimbrüder auch einen geheimen militärischen Arm.

Die arabischen Regierungen haben die Muslimbrüder zeitweise geduldet. In Ägypten wurden viele Muslimbrüder verfolgt und gefoltert. Im Gegensatz zu Terrorgruppen setzten die Muslimbrüder eher auf Überzeugungsarbeit, um neue Anhänger zu gewinnen. Es gibt neben dem traditionellen Flügel der Muslimbruderschaft auch einen Reformflügel, der in Ägypten seine Ziele über eine legale Beteiligung an Wahlen erreichen will. Das Motto lautet: Islam ist Religion und Gesellschaft.

Der ägyptische Muslimbruder Sayd Qutb wurde zum wichtigsten Vordenker des militanten Islamismus. Qutb nannte vier Stufen des voranschreitenden Dschihad in der Entstehungsgeschichte des Islam als Vorbild für heutige Muslime: Zuerst rief Mohammed in Mekka geduldig zur Umkehr zu Allah auf. Dann emigrierte er nach Medina, wo er die Erlaubnis erhielt, zu kämpfen. Auf der dritten Stufe erhielt er den Befehl, gegen die zu kämpfen, die ihn bekämpften. Auf der letzten Stufe kämpfte er schließlich gegen alle Polytheisten, bis Allahs Religion vollständig etabliert ist.

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