"Muslime brauchen keine Minarette"

Bouziane Ghessas, Initiative Liberaler Muslime Österreich (ILMÖ) fordert größeren Integrationsbeitrag seiner Glaubensgemeinde

Muslime, Moscheen und Minarette — wieder einmal sorgt das Thema Islam und Integration in Österreich für hitzige Debatten. Die Initiative Liberaler Muslime in Österreich (ILMÖ), lässt im VOLKSBLATT-Interview mit einigen Aussagen aufhorchen, die so manchem Glaubensbruder hier zu Lande möglicherweise nicht gefallen werden:

NEUES VOLKSBLATT: Was hat man sich unter der Initiative Liberaler Muslime vorzustellen? Was ist ein liberaler Moslem?

BOUZIANE GHESSAS: Die liberalen Muslime unterscheiden sich von den konservativen und radikalen Muslimen. Sie glauben nicht nur an ihre Religion, sondern respektieren auch die anderen Religionen und Andersdenkenden. Sie sind offen für den Fortschritt, für neue Entwicklungen, und pflegen den Austausch mit verschiedenen Kulturen. Sie vertreten die Freiheit des Denkens und die Vielfalt und unterstützen die Verständigung zwischen den Völkern und das friedliche Zusammenleben. Die liberalen Muslime bekennen sich zu den Grundsätzen der österreichischen Verfassung und der Grundwerte der europäischen Moral, Ethik, Demokratie und Menschenrechte auch für Frauen. Sie lehnen jede Art von Extremismus, Fanatismus, Gewalt und Terror ab.

Erst diskutieren, was wir beitragen müssen!

NEUES VOLKSBLATT: Wie geht es Ihnen als integriertem Moslem, wenn im Zusammenhang mit dem Islam in Österreich, ständig über Integrationsprobleme, Moscheen und Minarette gestritten wird?

Wir bedauern, dass der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGiÖ), Anas Schakfeh, gefordert hat, dass in jedem österreichischen Bundesland eine erkennbare Moschee mit Minarett gebaut werden soll. Wir sind davon überzeugt, dass über den Bau von Moscheen und Minaretten jetzt zum falschen Zeitpunkt debattiert wird. Wir kritisieren, dass sich Schakfeh so kurz vor den Wahlen in die Politik eingemischt hat, was für die Muslime kontraproduktiv ist. Bevor wir über Moscheen und Minarette sprechen, müssen wir zuerst diskutieren, wie wir Muslime uns in unserer neuen Heimat Österreich voll integrieren können, und welche Leistungen wir beitragen müssen, um Österreich politisch, wirtschaftlich und sozial voranzubringen.

Brauchen die Muslime unbedingt Minarette zur Ausübung ihres Glaubens?

Nein, die ersten Moscheen hatten keine Minarette.

In den Moscheen deutsch predigen!

NEUES VOLKSBLATT: Was müsste geschehen, um die Integration von Muslimen in Österreich voranzutreiben?

Alle Muslime müssen die deutsche Sprache beherrschen und in den Moscheen und Gebetshäusern müssen die Predigten deutsch sein. Das ist die erste Grundvoraussetzung für die Integration. Viele Muslime sind mit ihren Ursprungsländern viel mehr verbunden als mit Österreich. Auch die österreichische Staatsbürgerschaft ändert daran oft nichts. Die meisten Muslime sitzen vor dem Satellitenfernsehsender, um in ihrer eigenen Muttersprache die Fernsehsendungen zu verfolgen. Es fehlt Ihnen sehr oft der soziale und kulturelle Austausch mit den Menschen in Österreich. Zahlreiche Muslime finden auf Grund ihrer Sprachprobleme keinen Anschluss an die Gesellschaft. Die Folge sind mangelnde Bildung, Arbeitsplatzprobleme und soziale Konflikte. Das fördert Isolation und nicht Integration.

Sanktionen gegen Deutsch-Verweigerer

NEUES VOLKSBLATT: Halten Sie auch Druckausübung gegenüber nicht integrationswilligen Muslimen für gerechtfertigt?

Ja, die deutsche Sprache und der Dialog mit den anderen Religionen und Andersdenkenden müssen obligatorisch ab dem Kindesalter sein. Wird das nicht eingehalten, müssen Sanktionen gesetzt werden.

Liberale Muslime die schweigende Mehrheit

NEUES VOLKSBLATT: Trifft nicht auch die Islamische Glaubensgemeinschaft eine Verantwortung für die Konflikte?

Die IGGiÖ hat es in der Vergangenheit nicht geschafft ein gutes Klima für die Integration der Muslime zu schaffen. Sie ist in ihrer Struktur wie ein Clan aufgebaut und vertritt nur eine minimale Minderheit von rund ein Prozent der etwa 600.000 Muslime in Österreich. Die IGGiÖ hat es nicht geschafft, die Integration der Muslime zu fördern, zu verbessern. Im Gegenteil, sie hat die Probleme der Muslime selbst verschlechtert. Auf Grund dieser Missstände ist die Kluft zwischen den Muslimen und der österreichischen Gesellschaft größer geworden. Der IGGiÖ wird von den Politikern und Medien eine Bedeutung zugestanden, die sie überhaupt nicht hat. In den letzten zwanzig Jahren haben wir die Politiker und Journalisten vor den Missständen in der IGGiÖ eindringlich gewarnt. Aber niemand hat auf uns gehört. Die liberalen Muslime sind die Mehrheit der schweigenden Muslime in Österreich.

Wahlen werden eine Farce

NEUES VOLKSBLATT: Die österreichischen Muslime werden demnächst ihre Vertretung in der IGGiÖ neu wählen. Erwarten Sie positive Veränderungen?

Nein, es werden undemokratische Wahlen ohne unabhängige Beobachter abgehalten. Nur wenige tausend Muslime werden wählen. Es steht bereits jetzt fest, dass die Wahlen ungültig sein werden. Das ist auch dem Kultusamt und der zuständigen Unterrichtsministerin bekannt. Viele muslimische Wähler wurden erst kurz vor den Wahlen in die Registerblätter eingetragen, obwohl die Wartefrist laut IGGiÖ-Verfassung für die Wahl aller Funktionäre zumindest zwei Jahre beträgt. Daher werden die Wahlen zur Farce. Wir sehen nur dann eine positive Veränderung, wenn die IGGiÖ keine muslimische Strömung in Österreich mehr ausgrenzt.

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